Damit dies nicht passiert, ist es gut, sich Fehler genau anzusehen. Wenn man weiss, welcher Weg in die Sackgasse führt, sollte man diesen Weg nicht unbedingt erneut gehen, sondern früh genug eine andere Richtung einschlagen. Dabei kann es nützlich sein, sich eine ausführliche Landkarte zu besorgen oder sich von einem sachkundigen Begleiter führen zu lassen. Genau das ist der Sinn von Therapie und - in etwas abgewandelter Form - auch von Selbsthilfe. Eine solche "Landkarte" soll dieses Beispiel vermitteln. Es zeigt in der ersten Form einen misslungenen und in der zweiten einen gelungenen Selbsthilfeversuch.
Es wird eine konkrete Situation in einer Super-Zeitlupe dargestellt, so wie ein Stotterer sie beispielhaft schildern könnte, wenn er gelernt hat, sich selbst wahrzunehmen bzw. die Situation im nachhinein aufzuarbeiten. Dabei werden einige Elemente der Therapie vorgestellt, die das psychologische Umfeld der Stottertherapie betreffen. Die konkrete Arbeit am Stottern selbst (Sprechmethode, Verflüssigung des Stotterns nach van Riper oder Ähnliches) ist dabei zunächst nicht von Bedeutung.
Ich will gerade etwas Aufschnitt für mein Abendessen kaufen. Ich gehe in den Supermarkt und führe folgenden inneren Dialog: geh ich an die Selbstbedienungstheke mit der abgepackten Ware oder doch besser zur Frischwurst-Theke? An der Selbstbedienung erspare ich mir das Sprechen. Frischwurst schmeckt besser. Dafür werde ich stottern. Soll ich es wagen? Ich will es mal probieren und stelle mich in die Schlange vor der Theke.
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Verhaltensebene |
Erklärung |
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keine Einschätzung des "Schwierigkeitsgrades der Situation" in einer Angsthierarchie im Sinne einer "systematischen Desensibilisierung" mit entsprechender Planung |
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keine Hinwendung zum Problem mit entsprechender Lösungsorientierung, sondern eher Verdrängungsmechanismen |
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Verhalten wie ein Schüler in der 4 Klasse, der gerade das Einmaleins beherrscht und glaubt, er könne sich an die "höhere Mathematik" herantrauen. Nützlicher wäre ein systematischer Aufbau der Fähigkeiten und - übertragen auf das Stottern - die Erkenntnis, dass die Bewältigung des Stotterns Fachwissen und Erfahrung und eine systematische Vorgehensweise erfordert - nach dem Motto: |
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Verhaltensebene |
Erklärung |
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Stressreaktionen als bedingte Reflexe (respondente Konditionierung) erschweren die konstruktive Problembewältigung |
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irrationale Einstellungen und Bewertungen der Situation führen zu weiterer Steigerung der Stressreaktionen |
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Vermeidungsstrategien
Auch die Therapiemethode wird in diesem Fall zur Vermeidungsstrategie, um nicht zu stottern. Dies ist kontraproduktiv, weil dadurch die Angst vor dem Stottern weiter aufrechterhalten (negativ verstärkt) wird!! |
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Das Ziel wäre: "Bitte ein Viertel Pfund Leberwurst"
Gesprochen wird: "eh... bitte a__(schnipp)ein Viertel L_____(schnipp)Leberwurst" |
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Verhaltensebene |
Erklärung |
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eine Starthilfe zur Vermeidung des BBBB hat ja gut geklappt.. der Anfang ist gemacht ... Die Starthilfe wird sofort belohnt dadurch, dass ich weiter gekommen bin. Nächstes mal fange ich gleich so an. |
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Die Therapiemethode ist nicht ausreichend
verfügbar und versagt. Es werden die alten Muster aktiviert
und "erfolgreich" angewendet, um der bedrohlichen
Situation zu entfliehen. Das Schnippen führt zu einem "Symptomgewinn",
indem es die unangenehme Situation abkürzt, beendet (=
negative Verstärkung).
Negative Bewertung der Situation |
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Die Bewertung der Situation erlaubt keinen Versuch, die Erfahrungen aus der Therapie erneut anzuwenden. Er ist eine Weichenstellung in "mehr Stottern" erfolgt. Das zweite Schnippen ist stärker als das erste. |
| Der Stresspegel hat seine Obergrenze erreicht. Die ganze Zeit war ich auf die Bewältigung meiner Stotterblockaden konzentriert und habe kaum etwas von dem wahrgenommen, was um mich herum passiert ist. Den Blickkontakt zur Verkäuferin konnte ich nicht halten, ihre Reaktion auf mein Stottern nicht wahrnehmen. Ich bin froh, dass ich meinen Satz rausgekriegt habe, nicke bei dem "Darf es etwas mehr sein?" lediglich zustimmend und verlasse mit hochrotem Kopf die Theke. Die Erfahrungen aus meiner Therapie erlebe ich für mich als wenig nützlich. Es war eher ein Misserfolg. Anscheinend bin ich ein ewiger Versager. Die beste Therapie kann mir nicht helfen. Ich bin meinem Stottern hilflos ausgeliefert. Ich werde mein Schnippen wohl weiterhin anwenden - auch, wenn ich dadurch auffalle. | |
Es ist schön, dass ich die Möglichkeit habe, unangenehme Dinge zu verdrängen. Dadurch sind die unangenehmen Empfindungen schnell beseitigt und meine Stimmung wird wieder ausgeglichen oder sogar fröhlich, wenn ich an das gute Abendessen denke, das ich gleich haben werde. Der Nachteil ist allerdings, dass es mir dadurch weniger möglich ist, aus diesen Erfahrungen zu lernen und etwas langfristig besser zu machen. Wie das aussehen könnte, zeigt das positive Beispiel Wursttheke die Zweite.